WDR (Informationen und Nachrichten vom Westdeutschen Rundfunk) und Holger Heimann: „Als die Welt ganz war – an artistic way to describe the Romanian society and to define a common future”

Memories

The author Varujan Vosganian takes in his new book a past in the view, the after effects. The four long lists of the volume “When the world was whole” all raise the question of how to live with the traumas of recent Romanian history.

https://www1.wdr.de/kultur/buecher/als-die-welt-ganz-war-104.html

In the longest piece “Jacob, son of Zevedei” an old man does not get rid of the memories of the prison in which he was tortured as a student.
“This feeling of endless suffering has also haunted us since we left prison, we, the former prisoners, have begun to be wary of each other, possibly because we had something in common that we did not want to remember, or because we did We were a people of ghosts, who could not find their true face again when they looked in the mirror, a people whose chains on their ankles had been opened in vain because they were wandered from one ear to the other and rattled us now in the brain, as from the bracket pulled clock springs.
Dealing with the past
While the disturbed old man keeps frightening himself from nightmares, his granddaughter Cosima, who works as a doctor in an accident clinic, tries to rescue a man who jumped from the fifth floor into the depths. His motive remains unclear. Among the people who can no longer find their way in their lives, also counts Jacob, who starts an affair with Cosima. His father was one of the guards in the prisons of communism. Jacob is therefore also a driven. Persecuted by the memory of the injustice, he remains, as it were, vicarious of his father, bound to the victims of yesteryear.
Varujan Vosganian Varujan Vosganian
The stories of the volume show how complicated the handling of the sinister past is. In the story “A Bund Liebstöckel”, which is based on actual events, opera and perpetrators meet again. The miner Pavel was one of the men called from the province to Bucharest in 1990 – ostensibly to defend the revolution. Without scruples he beat up on demonstrators who doubted the outcome of the first free elections. Twenty years later he does everything in his power to locate the architect Rada. Pavel wants to give the woman back the medallion he tore from her neck. Although Rada invites her former tormentor to talk to her apartment, but an understanding fails.
Rada paused, rummaged in a drawer for a candle stub, pressed it on a small plate and lit it, because of you, you came, you came, so I forgive you, but in vain I forgive you, also I have no right to forgive you, they are no longer in this world, I have no right to forgive you in their name. ”
Guilt and injuries
Vosgan’s pessimistic narratives reflect a deeply insecure and divided society that finds no common productive way to deal with its own history. Too big is the fault of one and too serious are the injuries of others. In the eponymous story “When the world was whole” the damaged life is most clearly recognizable, indeed downright exposed. The main character Coltuc is severely disabled from birth.
“He was sitting beneath and with them, well planted on the boards, which formed a kind of wheeled cart, where the legs had been rolled up and hooked so the wood would not rub up. A few crooked fingers sprouted from his shoulders, like bird claws, but they were good at trapping the opposite end of the shoulders, like wire ends that had been left hanging after the sack had been tied well could grow in width, his body had condensed itself in the body.

The constant search for ways
This merciless and to some extent only half man begs alms on the street and is always dependent on the help of others. His constant companions are a lame man and a blind man. But Coltuc has the gift of creating before his eyes the image of an undestroyed world. He also sees the trees that are felled and the houses that were demolished. The more depressing the reality, the more urgent the escape into the imagination seems. For Coltuc there is no other way, only in his dreams is he himself completely. The Romanian society should not wish for such a withdrawal. The country has experienced one of the most violent communist dictatorships in Europe. Varujan Vosganian’s grim tales make it artistically clear how difficult people are to carry the weight of memories, how great the disturbance after the long years of despotism is still. But this author also shows the constant search for ways to assure the near past and a common future.

Erinnerungen

Der Schriftsteller Varujan Vosganian nimmt in seinem neuen Buch eine Vergangenheit in den Blick, die nachwirkt. Die vier Langerzählungen des Bandes “Als die Welt ganz war” stellen allesamt die Frage, wie sich mit den Traumata der jüngeren rumänischen Geschichte weiterleben lässt. Im längsten Stück “Jacob, Sohn des Zevedei” kommt ein alter Mann nicht von den Erinnerungen an das Gefängnis los, in dem er als Student gefoltert wurde.

“Dieses Gefühl endlosen Leids hat uns auch nach Verlassen des Gefängnisses noch verfolgt. Wir, die ehemaligen Gefangenen, haben begonnen, voreinander auf der Hut zu sein. Möglicherweise, weil wir etwas gemeinsam hatten, an das wir uns nicht erinnern wollten. Oder weil wir uns des Erlebten schämten und uns deshalb auch voreinander schämten. – Wir waren ein Volk von Gespenstern, die beim Blick in den Spiegel ihr wahres Gesicht nicht mehr wiederfinden konnten. Ein Volk, dem sich die Ketten an den Fußgelenken umsonst geöffnet hatten, denn sie waren längst von einem Ohr zum anderen gewandert und rasselten uns nun im Hirn, wie aus der Halterung gezerrte Uhrfedern.”

Der Umgang mit der Vergangenheit

Während der verstörte Alte immer wieder aus Alpträumen hochschreckt, versucht seine Enkeltochter Cosima, die als Ärztin in einer Unfallklinik arbeitet, einen Mann zu retten, der vom fünften Stock in die Tiefe gesprungen ist. Sein Motiv bleibt unklar. Zu den Menschen, die sich in ihrem Leben nicht mehr zurechtfinden, zählt auch Jacob, der mit Cosima eine Affäre beginnt. Sein Vater war einer der Wärter in den Gefängnissen des Kommunismus. Jacob ist daher ebenfalls ein Getriebener. Verfolgt von der Erinnerung an das Unrecht bleibt er gleichsam stellvertretend für seinen Vater gebunden an die Opfer von einst.

Varujan Vosganian

Varujan Vosganian

Die Geschichten des Bandes zeigen, wie kompliziert der Umgang mit der unheilvollen Vergangenheit ist. In der Erzählung „Ein Bund Liebstöckel“, die auf tatsächlichen Begebenheiten gründet, begegnen sich Oper und Täter wieder. Der Bergmann Pavel war einer der Männer, die 1990 aus der Provinz nach Bukarest gerufen wurden – vorgeblich, um die Revolution zu verteidigen. Ohne Skrupel prügelte er auf Demonstranten ein, die das Ergebnis der ersten freien Wahlen anzweifelten. 20 Jahre später setzt er alles daran, die Architektin Rada ausfindig zu machen. Pavel will der Frau das Medaillon zurückgeben, das er ihr vom Hals gerissen hat. Rada lädt ihren einstigen Peiniger zwar zum Gespräch in ihre Wohnung ein, aber eine Verständigung misslingt.

“Du bist nicht meinetwegen gekommen. Rada hielt inne, kramte in einer Schublade nach einem Kerzenstummel, drückte ihn auf ein Tellerchen und entzündete ihn. Deinetwegen bist du gekommen, bist gekommen, damit ich dir verzeihe. Aber umsonst verzeihe ich dir, auch habe ich kein Recht dazu. Die dir verzeihen müssten sind nicht mehr auf dieser Welt, ich habe nicht das Recht, dir in ihrem Namen zu verzeihen.”

Schuld und Verletzungen

Vosganians pessimistische Erzählungen spiegeln eine zutiefst verunsicherte und gespaltene Gesellschaft, die keinen gemeinsamen produktiven Umgang mit der eigenen Geschichte findet. Zu groß ist die Schuld der einen und zu gravierend sind die Verletzungen der anderen. In der titelgebenden Geschichte „Als die Welt ganz war“ wird das beschädigte Leben am deutlichsten kenntlich, ja regelrecht ausgestellt. Die Hauptfigur Coltuc ist von Geburt an schwerstbehindert.

“Er saß unter und bei ihnen, bestens auf den Brettern aufgepflanzt, die so eine Art Wägelchen mit Rädern bildeten. An der Stelle, wo die Beine hätten beginnen müssen, waren die Hosenbeine eingerollt und mit Haken fixiert, damit ihn das Holz nicht aufrieb. Aus den Schultern sprossen ihm ein paar krumme Finger, wie Vogelkrallen. Sie waren allein dazu gut, das jeweilige Ende der Schultern einzufassen, wie Drahtenden, die man hatte hängen lassen, nachdem der Sack gut verschnürt worden war. Da er weder in die Höhe noch in die Breite wachsen konnte, hatte sich sein Körper im Leib selbst verdichtet.”

Die beständige Suche nach Wegen

Dieser erbarmungswürdige und gewissermaßen nur halbe Mensch erbettelt Almosen auf der Straße und ist immerfort auf die Hilfe anderer angewiesen. Seine ständigen Begleiter sind ein Lahmer und ein Blinder. Aber Coltuc besitzt die Gabe, vor seinen Augen das Bild einer unzerstörten Welt entstehen zu lassen. Er sieht auch die Bäume, die gefällt und die Häuser, die abgerissen wurden. Je bedrückender die Wirklichkeit umso dringlicher scheint die Flucht in die Phantasie. Für Coltuc gibt es keinen anderen Weg, nur in seinen Träumen ist auch er selbst ganz. Der rumänischen Gesellschaft sollte man einen solchen Rückzug nicht wünschen. Das Land hat eine der gewaltsamsten kommunistischen Diktaturen in Europa erlebt. Varujan Vosganians düstere Erzählungen machen kunstvoll deutlich, wie schwer die Menschen am Gewicht der Erinnerungen tragen, wie groß die Verstörung nach den langen Jahren der Despotie noch immer ist. Aber dieser Autor zeigt auch die beständige Suche nach Wegen, sich der nahen Vergangenheit und einer gemeinsamen Zukunft zu versichern.

  • Posted by  Varujan Vosganian
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